Der Düsenjet für die Route 66

Die Motorrad-Kult-Marke Harley-Davidson testet weltweit seinen E-Motorrad-Prototyp LiveWire

Für viele Motorradfahrer ist eine Harley-Davidson Glück pur. Die Optik, das Fahrerlebnis, der Sound – alles ziemlich einzigartig. Das gilt auch für die neuste Entwicklung der US-Amerikaner. Sie testen in einer groß angelegten Kunden-Probefahrtaktion weltweit den elektrischen Prototyp LiveWire. Die kraftstrotzende Maschine ist optisch extrem durchgestylt und klingt ein bisschen wie ein Düsenjet. Daniel Becker von Harley-Davidson Deutschland erklärt, was es mit dem Projekt auf sich hat.

Herr Becker, eine elektrische Harley – wer ist auf diese Idee gekommen?

Daniel Becker: Viele Leute bei Harley-Davidson. Beim Motorradfahren geht es darum, die Welt mit allen Sinnen zu genießen. Wir halten konzentriert die Straße und unsere Umgebung im Blick, spüren die Beschaffenheit der Fahrbahn und den Wind im Gesicht, riechen frisch gemähtes Gras und lauschen dem Sound der Maschine. Wir wünschen uns, dass auch künftige Generationen die Glücksgefühle, die mit diesem Erleben einhergehen, genießen können. Daher präsentieren wir augenblicklich mit dem Projekt LiveWire unsere Idee davon, wie Mobilität in Zukunft aussehen könnte. Die Idee besteht aber keineswegs darin, ein zweckorientiertes, langweiliges und spaßbefreites „Ökomobil“ auf die Räder zu stellen. Eine Harley-Davidson soll faszinieren, einerlei, welches Antriebskonzept sie hat.

Stimmt es, dass Kundenanfragen den Anstoß zu diesem Projekt gegeben haben?

Daniel Becker: Es kann durchaus sein, dass es auch Kundenanfragen zum Thema Elektromobilität gab. Allerdings war das nicht der Auslöser. Wir sind sogar fest davon überzeugt, dass so gut wie niemand – weder unsere Kunden, noch die Fachwelt – damit gerechnet hat, dass Harley-Davidson als erster Großserien-Motorradhersteller ein Elektromotorrad auf die Räder stellen würde…

Beim Motorradfahren geht es darum, die Welt mit allen Sinnen zu genießen

Sie haben die Prototypen bereits in den USA getestet. Wie waren die ersten Reaktionen?

Daniel Becker: Wir bezeichnen die LiveWire aus gutem Grund als Projekt. Es handelt sich nicht um ein Serienfahrzeug, sondern um knapp 40 Prototypen, mit denen wir in einer großen Probefahrtaktion die Wünsche der Kunden an eine elektrisch angetriebene Harley-Davidson zusammentragen wollen. Bei den Testfahrten – der „Project LiveWire Experience“ – haben wir viel positives Feedback erhalten: Gelobt wurden vor allem das Design, die Handlichkeit und das Drehmoment.

Kommendes Jahr werden die Tests auf Kanada und Europa ausgeweitet. Warum?

Daniel Becker: Der Entwicklungsprozess bei Harley-Davidson sieht grundsätzlich vor, die Vorstellungen und Wünsche der Kunden in hohem Maße einzubinden. So sind wir auch bereits bei der Touring-Baureihe und dem neuen Modell Street vorgegangen. Natürlich wollen wir auch wissen, welche Vorstellungen unsere kanadischen und europäischen Kunden von einer elektrisch angetriebenen Harley-Davidson haben und was sie von einem solchen Fahrzeug erwarten.

Look, Sound und Feeling sind die drei Säulen, auf denen ein Großteil des Erfolgs unserer Produkte fußt

Kann man sich für diese Probefahrten noch bewerben – und wenn ja: wie?

Daniel Becker: Wir werden deutschen Fans im kommenden Jahr die Möglichkeit geben, das Motorrad im Rahmen von Probefahrtaktionen zu testen. Wann, wo und wie diese europäische „Project LiveWire Experience“ stattfinden wird, steht derzeit noch nicht fest.

Den typischen Harley-Sound kann ein Elektro-Motor nicht leisten. Kommt der vom Band?

Daniel Becker: (lacht) Nein, der Sound der LiveWire wird durch den Antriebsstrang erzeugt. Er erinnert an einen Düsenjet – und sorgte schon bei der ersten Präsentation für echte Gänsehaut bei allen, die ihn wahrgenommen haben! Look, Sound und Feeling sind die drei Säulen, auf denen ein Großteil des Erfolgs unserer Produkte fußt. Die LiveWire macht da keine Ausnahme. Sie ist anders als alle anderen Motorräder am Markt und in jeder Hinsicht einzigartig, was ihr Design, ihren Klang und das Gefühl, das sie beim Fahren vermittelt, anbetrifft.

Harleys stehen für grenzenlose Freiheit – die Akku-Reichweite aber ist begrenzt, oder?

Daniel Becker: Bei allen Elektrofahrzeugen ist die Reichweite für die Endverbraucher ein wichtiger Faktor. Deswegen versuchen wir mit der „Project LiveWire Experience“ unter anderem herauszufinden, wie viel Reichweite ein elektrisch angetriebenes Motorrad haben muss, um am Markt erfolgreich zu sein. In der aktuellen Konfiguration leistet unser Motorrad 75 PS, entwickelt ab Stillstand ein maximales Drehmoment von 70 Newtonmeter und läuft bis zu 148 Stundenkilometer schnell. Die Akkukapazität reicht bei dieser Konfiguration für etwa 85 Kilometer Strecke. Das sind aber nur die Eckdaten unserer Prototypen, die müssen nicht auch für ein eventuelles Serienfahrzeug gelten. Welche Parameter den Kunden in welchem Maße wichtig sind, werden wir durch unsere Probefahrten überall auf der Welt herausfinden. Zudem gehen wir davon aus, dass sich die Technik sehr schnell weiterentwickelt und dass es mithin möglich sein könnte, in Kürze noch leistungsfähigere Akkus zu verwenden.

Optisch sehen die Prototypen durchgestylt aus. Es wird also keinen E-Chopper geben?

Daniel Becker: Wir schließen nichts aus. Mit den Probefahrten und dem Kontakt zu den Kunden wollen wir ja gerade auch herausfinden, welches Design die Endverbraucher sich für ein Elektrofahrzeug von Harley-Davidson wünschen. Weil es sich im Moment noch um Prototypen handelt, können wir noch nichts dazu sagen, wie eine elektrische Harley-Davidson künftig konkret aussehen kann, wie viel sie kosten und wie viele unterschiedliche Konfigurationen es geben wird. Ob und wie sie in Serie geht, entscheidet Harley-Davidson erst, wenn wir ausreichend Kundenfeedback haben.

Bei den Pkw ist der E-Durchbruch bislang ausgeblieben. Was erwarten Sie beim Motorrad?

Daniel Becker: Neue Technologien haben es oftmals nicht leicht. Denken Sie an Kaiser Wilhelm II, der gesagt hat: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Oder an IBM-Chef Thomas Watson, der 1943 den Weltmarkt für Computer auf „vielleicht fünf“ Exemplare schätzte. Zurzeit sind viele Verbraucher noch skeptisch. Aber die Technik der E-Mobilität schreitet rasch voran und viele vermeintliche Herausforderungen von heute werden sich vielleicht schon morgen in Luft auflösen. Für unser Unternehmen und unsere Ingenieure war es wichtig, von Beginn an die Innovationskraft der Marke Harley-Davidson zu unterstreichen und ein extrem kraftvolles Elektromotorrad zu präsentieren, das faszinierend gestylt und zudem auch noch nachhaltig ist.