Daimler Mobility Services: „Die Kunden sind ja nicht ahnungslos“

Robert Henrich, Geschäftsführer der Daimler Mobility Services GmbH, im Interview mit Kraftstoff.

Daimler baut sein Geschäft mit Mobilitätsdienstleistungen seit Jahren schon kräftig aus. Die kleinen car2go-Flitzer waren nur der Anfang, der Stuttgarter Konzern hat ein eigenes Tochterunternehmen gegründet. Die Daimler Mobility Services GmbH ist in vielen Bereichen aktiv, sie will den – aus ihrer Sicht – noch weitgehend unbearbeiteten Markt der Mobilitätsdienstleistungen aufrollen. Neben Smart-Carsharing gehören da auch Smartphone-Apps wie „Moovel“ dazu. Geschäftsführer Robert Henrich erklärt, warum dieses neue Geschäftsfeld für die Daimler AG so wichtig ist.

Herr Henrich, warum entwickelt Daimler immer mehr Mobilitätsdienstleistungen?

Robert Henrich: Weil Mobilitätsdienstleistungen zunehmend wichtiger werden. Das ist ein Megatrend, der viele Jahre vorhergesagt wurde – und jetzt kann man ihn wirklich auch sehen, er findet statt, man kann ihn an Zahlen ablesen. Das hängt wieder mit mehreren anderen Megatrends zusammen, zum Beispiel die Urban-isierung, die Smartphone-Revolution oder auch andere Konsumpräferenzen bei jungen Leuten. Alles in allem will eine neue Generation sich intelligenter und flexibler bewegen, und deswegen sind diese Mobilitätsdienstleistungen so gefragt.

Warum konzentriert sich einer der erfolgreichsten Autohersteller nicht aufs Fahrzeuge bauen?

Robert Henrich: Das tut er ja weiterhin, ich sehe da keinen Gegensatz. Aber es gibt eben neue, weitere Geschäftsfelder, auf denen Daimler aktiv ist. Wir verkaufen nicht nur Automobile, sondern wir bieten sie auch über andere Kanäle an. Eine ähnliche Entwicklung haben wir ja auch im Bereich der Finanzdienstleistungen bei Automobilherstellern gesehen. Die haben vor 20 Jahren noch kaum eine Rolle gespielt, heute gehört das zum Kern: Wer Autos verkaufen will, muss Finanzierungen anbieten. Das ist doch normal, dass sich Geschäftsmodelle weiterentwickeln…

Privatleute – vor allem im westlichen urbanen Umfeld – werden aber immer weniger Autos kaufen…

Robert Henrich: Das glaube ich eher nicht. Die Frage, ob ich mir ein eigenes Auto halte oder mir Mobilität auf andere Art und Weise organisiere, ist meines Erachtens vor allem eine Frage der Lebensphasen. Wenn man als junger Mensch mitten in der Großstadt lebt, dann ist der Automobilbesitz tendenziell rückläufig. Auch, weil das Auto nicht mehr das Statussymbol schlechthin ist, aber auch wegen hoher Parkplatzpreise und so weiter. Hier kommen diese Mobilitätskonzepte ins Spiel. Wenn Sie dann eine Familie und drei Kinder haben und am Stadtrand wohnen, sieht das wieder ganz anders aus.

Daimler sammelt seit vielen Jahren mit car2go Erfahrungen im Carsharing. Wohin geht die Reise?

Robert Henrich: Im ländlichen Raum wird das Auto weiterhin das primäre Verkehrsmittel bleiben, da sehe ich zumindest mittelfristig keine Alternativen. Das wird eher sogar noch zunehmen, weil der ohnehin schon schwache öffentliche Nahverkehr im ländlichen Raum zunehmend in Finanzierungsprobleme gerät. Im urbanen Umfeld kommt es auf die Städte an. In Frankfurt, Berlin, Hamburg sieht man schon heute, dass das eigene Auto für viele an Bedeutung verloren hat. Das wird weiter zunehmen.

Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Robert Henrich: Das Wachstumspotenzial in diesem Bereich ist nach wie vor groß. Wir haben ja mit car2go das Freefloating-Carsharing ohne Stationen erfunden und am Markt etabliert. car2go gibt es heute in 26 Städten, gerade sind wir in Rom gestartet. Nach wie vor sehen wir bei Daimler – und das besagen auch die unabhängigen Studien –, dass das Freefloating-Konzept sehr gut läuft und deswegen wollen wir in derselben Schlagzahl wie bisher in weiteren Städten car2go aufbauen.

Ist car2go heute insgesamt profitabel? Die ersten Gehversuche in Ulm/Neu-Ulm waren es lange nicht…

Robert Henrich: Wir sind genau im Plan mit car2go was die Profitabilität betrifft. Wir betrachten dabei jede Stadt, in der wir vertreten sind, für sich. Jeder Standort bekommt eine gewisse Zeit, bis er den Break Even erreichen muss – und bislang haben alle Städte diese Messlatte auch geschafft. Das heißt nicht, dass zum jetzigen Zeitpunkt alle Städte schwarze Zahlen schreiben. In Rom kommen wir ja gerade erst auf den Markt – wie soll man so schnell schon profitabel arbeiten können?

Warum gehen sie mit car2go black jetzt auch ins klassische Carsharing mit Stationen?

Robert Henrich: Für mich ist car2go black kein klassisches stationäres Carsharing. Es ist eher die Mischung aus Carsharing und Einwegmiete. Weil man mit unseren Fahrzeugen eben an einer Station losfahren und sie an einer anderen Station abgeben kann. Das ist beim klassischen Carsharing nicht so. Für uns ist dieses Angebot eine weitere wichtige Facette im Bereich Mobilitätsdienstleistungen. Auch, weil es von unseren car2go-Kunden explizit nachgefragt wurde, etwa für Dienstreisen, Wochenendausflüge, oder auch einfach, weil sie mal mit mehr als zwei Personen unterwegs sein wollten!

Welche Hoffnungen setzen Sie in das von Ihrer Innovationsschmiede entwickelte „moovel“?

Robert Henrich: Große natürlich, sonst hätten wir diese App nicht entwickelt! Wir denken, dass das eine große Zukunft haben wird, auch wenn vieles noch nicht am Markt sichtbar ist. Unser Anspruch ist, dass wir mit „moovel“ deutschlandweit flächendeckend Zugriff auf Busse, Bahnen, Mietwagen, Mietfahrräder, Carsharing-Angebote, Taxen, Limousinen-Services, Car-Pooling-Angebote und viele andere Mobilitätsangebote bieten wollen. Zudem soll man mit „moovel“ nicht nur Fahrpläne ab- und Taxen rufen, sondern eben auch gleich Tickets kaufen oder ein Carsharing-Auto reservieren können.

Sie bieten ja auch eine Parkplatzsuche an. So etwas gibt es aber doch schon bei vielen Anbietern…

Robert Henrich: Stimmt, es gibt viele Apps, aber aus unserer Sicht bis heute keine komplette. Uns geht es ja nicht nur ums Parkhaus oder Parkplatz suchen, wir streben immer integrierte Lösungen an. Das heißt: Sie müssen als Kunde im Idealfall bei der Einfahrt kein Papierticket mehr ziehen, am Ende der Parkzeit kein Kleingeld an der Kasse heraussuchen, sondern das läuft alles automatisch über die App in Ihrem Smartphone. Der Parkmarkt ist ein Multimilliarden-Markt, aber er ist extrem zersplittert und bislang noch im vergangenen Jahrtausend verhaftet. Schon unsere Großeltern haben Papiertickets gezogen…

Apropos zersplitterte Märkte: Das gilt ja auch noch mehr für die Anbieter des Nahverkehrs…

Robert Henrich: Ja, das ist richtig, das ist eine Aufgabe, die eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen wird. Aber wir wollen diesen Weg gehen. Wir haben ein Team, das Gespräche mit den Verkehrsverbünden und -unternehmen führt, um sich auf Schnittstellen zu einigen. Hier kann man nur Schritt für Schritt vorgehen und Verkehrsverbund für Verkehrsverbund kontaktieren. Aber diesen Atem müssen Sie mitbringen, wenn man einen großen Zukunftsmarkt bearbeiten will.

Abschließend erneut die Frage: Wann wird die Daimler-Kernkompetenz Autobauen zur Nebensache?

Robert Henrich: Ich glaube nicht, dass das passieren wird. Daimler wächst sehr stark mit dem automobilen Kerngeschäft, und gleichzeitig wachsen wir sehr stark bei den Mobilitätsdienstleistungen. Das wird sich möglicherweise irgendwann annähern, aber ein Ende des Wachstums sehe ich in beiden Unternehmensbereichen nicht.