Auslaufmodell Auto?

Die unterschiedliche Rolle des Automobils in der Stadt und auf dem Land. Verkehrsblogger Martin Randelhoff über die Zukunft der Mobilität.

Kraftstoffe werden immer teurer, in den Innenstädten gibt es immer weniger Parkplätze, auf dem Land werden immer mehr Bus- und Bahnverbindungen gestrichen. Die Formen von Mobilität und ihre Voraussetzungen ändern sich. Einer, der sich genau damit beschäftigt, ist der 26-jährige Blogger und Student der Verkehrswirtschaft, Martin Randelhoff. Auf seiner Seite www.zukunft-mobilitaet.net widmet er sich solchen Fragen – und hat darüber mit „Kraftstoff“-Autor Julian Horst gesprochen.

Herr Randelhoff, fahren Sie gerne Auto?

Martin Randelhoff: Eigentlich nicht, ich habe auch gar kein eigenes. Für mich ist das Auto immer nur dann das geeignete Verkehrsmittel, wenn ich gar nicht anders von A nach B komme.

Und Autofahren in der Stadt finden Sie ganz besonders schrecklich, haben Sie mal gesagt…

Martin Randelhoff: Also, ich habe nichts gegen das Autofahren an sich, ich bin kein Autohasser, und auch das Autofahren in der Stadt ist nicht per se schrecklich und schlecht – aber: in der Stadt, vor allem in der Großstadt, gibt es viele und bessere Alternativen zum eigenen Auto. Der Pkw spielt seine Stärken eben vor allem im Stadtrandgebiet oder noch mehr im ländlichen Raum aus.

Wann setzt man Autos im urbanen Umfeld aus ihrer Sicht sinnvoll ein?

Martin Randelhoff: Immer dann, wenn man Gewicht oder Volumen transportieren muss, dass man von Tür zu Tür sonst nicht bewegen kann. Oder dann, wenn man Strecken fährt, die mit Alternativen nicht zurückgelegt werden können, oder nur mit unannehmbarer Dauer. Wenn jemand fünf Mal so lange mit dem Bus braucht oder vier Mal umsteigen muss – und auch das gibt es in der Stadt –, dann ist das Auto oder das Fahrrad sicher die bessere Alternative, auch aus ökologischer Sicht. Ich bin dem Auto gar nicht negativ gegenüber eingestellt – sehr wohl aber der heutigen Nutzung! Es ist doch verrückt, wie viele Autos jeweils nur eine Person bewegen – und dann beklagen wir uns über zu viel Verkehr auf den Straßen!

Welche Rolle wird das Auto für unsere zukünftige Mobilität noch spielen?

Martin Randelhoff: Im ländlichen Raum wird das Auto weiterhin das primäre Verkehrsmittel bleiben, da sehe ich zumindest mittelfristig keine Alternativen. Das wird eher sogar noch zunehmen, weil der ohnehin schon schwache öffentliche Nahverkehr im ländlichen Raum zunehmend in Finanzierungsprobleme gerät. Im urbanen Umfeld kommt es auf die Städte an. In Frankfurt, Berlin, Hamburg sieht man schon heute, dass das eigene Auto für viele an Bedeutung verloren hat. Das wird weiter zunehmen.

Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Martin Randelhoff: Nun, zum einen waren es viele – jetzt ehemalige – Autobesitzer leid, ewig nach einem Parkplatz suchen oder dafür tief in die Tasche greifen zu müssen. Zum anderen gibt es immer mehr Single-Haushalte, die weder für die Fahrt zur Arbeit noch fürs Einkaufen ein eigenes Auto brauchen. Wenn einem der Nahverkehr mal nicht ausreicht, greift man eben zu Mietwagen oder Carsharing…

In größeren Städten hat man einen bunten Mobilitätsmix zur Auswahl – und was bleibt auf dem Land? Das eigene Auto? Spezielles Carsharing? Ein gemeinsames Dorfauto?

Martin Randelhoff: Das ist eine gute Frage. Man muss sich da mal die Grundvoraussetzungen anschauen: zum einen gibt es ja das Ziel der gleichen Lebensbedingungen in der Stadt und auf dem Land. Zum anderen haben wir in den vergangenen Jahren auch schon erste Folgen des demografischen Wandels im ländlichen Raum gesehen. Die Zahl der Schüler sinkt massiv, der Nahverkehr besteht aber oft nur noch aus dem Schulverkehr. Wenn dann noch der Bus morgens und mittags wegfällt, wäre man quasi abgeschnitten. Soweit wird es wohl nicht kommen, irgendeine Lösung wird es geben…

Das klingt sehr nach: „Das Auto ist auf dem Land alternativlos…“

Martin Randelhoff: Vielleicht nicht alternativlos, aber der Pkw hat den großen Vorteil, dass er sehr kleine Transportgrößen ermöglicht, er ist zudem flexibel und in diesem Bereich auch effizient. Aber noch mal: trotz des demografischen Wandels wird der ländliche Raum nicht menschenleer sein. Die Zahl der Menschen dort wird mittelfristig um rund ein Drittel abnehmen – aber auch die brauchen eine Form von Mobilität jenseits des Autos. Ich setze hier große Hoffnungen auf autonome Systeme.

Sie meinen also, es fahren schon bald fahrerlose Kleinbusse durch die Gegend?

Martin Randelhoff: Naja, nicht bald, aber mittelfristig schon. So in 20 bis 30 Jahren könnte ich mir vorstellen, dass man per Internet den Bedarf anmeldet, eine halbe Stunde später ist der Bus dann da. Ich kann einsteigen und werde vollautomatisch zu meinem Wunschziel gebracht. Das hat viele Vorteile, denn den Nahverkehr machen vor allem die Personalkosten teuer. Diese Art fahrerloses Sammeltaxi hat noch andere Vorteile gegenüber dem Linienverkehr. Wie oft klappern Linienbusse jedes kleine Dorf ab, fahren dafür viele Kilometer Umwege, aber kein Mensch will dort ein- oder aussteigen. Mit so einem Sammeltaxi kann man direkte Routen fahren – das System wäre in der Lage, die Fahrtwünsche mehrerer Kunden clever zu einer Route zu kombinieren. Das wäre effizient und umweltverträglich.

Wie würde sich so ein individualisierter Nahverkehr finanzieren? Auch mit öffentlichen Mitteln?

Martin Randelhoff: Mobilität wird teurer, das Fahrpreisniveau wird steigen und sich irgendwo zwischen den heutigen Nahverkehrs- und Taxi-Preisen einpendeln. Mobilität ist aber auch eine soziale Frage, dass wollen wir jedem Menschen möglichst ohne Einschränkungen ermöglichen, eigentlich. Aber schon heute kann sich ja nicht jeder ein Auto oder eine Busfahrt leisten – oder es gibt gar kein Angebot für ihn. Die öffentliche Hand wird weiter den Nahverkehr subventionieren. Die Frage ist: wie stark?

Sie sind ja ein Fan der Pkw-Maut, dann allerdings nicht à la CSU nur für Autofahrer aus dem Ausland. Warum?

Martin Randelhoff: Ich finde grundsätzlich die Idee einer Pkw-Maut gut. Allerdings nicht so, wie sie geplant ist, um mit deren Einnahmen den Ausbau und die Instandhaltung der Infrastruktur zu bezahlen. Ich bin für eine Maut als Steuerungsinstrument. Das heißt konkret: wer zu Stoßzeiten über eine stark befahrene Strecke fahren will oder muss, der zahlt, wer diese Stoßzeiten umgeht, also Off-Peak fährt, der bekommt vielleicht sogar etwas. So werden die Straßen besser und kontinuierlicher ausgelastet. Bevor ich neue Straßen baue oder vorhandene ausbaue, steuer ich den Verkehr doch besser mit so einem Anreiz-System...

Bleibt Deutschland in den nächsten 15 Jahren so mobil wie bislang?

Martin Randelhoff: (lacht) Ich habe doch auch keine Glaskugel! Ich glaube, dass sich unser Verständnis von Mobilität verändern wird – sie wird teurer und wir nutzen sie bewusster. Ich bin mir auch sicher, dass die virtuelle Welt kein Ersatz für die Fahrt ins Büro werden wird. Das hören wir seit zehn Jahren und träumen davon – aber der Mensch ist so einfach gestrickt, dass er physische Anwesenheit sehr schätzt. Skype hat auch keine Geschäftsreisen ersetzt, nur die Kommunikation insgesamt nimmt zu.
Zukunft Mobilität