Wie von Geisterhand: Autonomes Fahren

Der Fahrer drückt vor dem Verlassen des Autos einen Knopf und wählt dann per Smartphone oder Tablet-PC einen Parkplatz. Schon rollt der Audi A7 langsam zur Parklücke, parkt rückwärts ein und schaltet anschließend den Motor ab. Mit dieser Demonstration des sogenannten „Piloted Parking“ begeisterte der Ingolstädter Autobauer bei der Consumer Electronics Show (CES) im Januar in Las Vegas. Und heimste gleich zwei Medienpreise dafür ein: als „Product of the future“ und „beste Automobiltechnologie“ der diesjährigen CES.

Nach Angaben von Ricky Hudi, Leiter Entwicklung Elektrik/Elektronik bei Audi, sollen derartige Assistenzsysteme den Fahrer entlasten und auch Zeit sparen. Nicht nur im Parkhaus soll das Auto mittels Sensor- und Kameratechnologien selbstständig fahren können, sondern demnächst auch im Stau. „Wir sind mit dem technisch Machbaren der rechtlichen Lage und der Akzeptanz weit voraus“, umreißt er den aktuellen Stand der Entwicklung. Was die gesetzlichen Regelungen angehe, dürften die Autos bis maximal zehn km/h alleine fahren. „Wir haben allerdings die Vision, dass das Auto irgendwann vollautomatisch fahren könnte“, unterstreicht Hudi.

Entsprechende Tests darf Audi als erstes Autounternehmen im US-Bundesstaat Nevada machen. Dort laufen Versuchs- und Entwicklungsfahrten für das pilotierte Fahren im Stau. Allerdings sitzen aus Sicherheitsgründen noch zwei Ingenieure im Auto. Das System soll bis maximal 60 km/h selbstständig bremsen oder beschleunigen. Der Stauassistent basiert auf der „adaptive cruise control“ mit Stop & Go-Funktion, erweitert um die Komponente der Querführung. Zwei Radarsensoren erfassen das Fahrzeug-Vorfeld in einem Winkelfeld von circa 35 Grad und bis zu 250 Meter Länge. Eine Videokamera mit breitem Öffnungswinkel beobachtet die Linien auf der Fahrbahn; zudem kann sie Objekte wie andere Fahrzeuge, Fußgänger und Leitplanken erkennen. Acht Ultraschall-Sensoren überwachen die Zonen direkt vor dem Auto und an seinen Ecken.

Ähnliche Systeme bietet Daimler bereits optional in der neuen S-und E-Klasse. Mit der sogenannten „6D-Vision“ erkennt das Auto quasi selbstständig Gefahrensituationen. Es basiert auf einer Stereokamera, aus deren Bildern in Echtzeit mit Hilfe spezieller Algorithmen die dreidimensionale Geometrie der Situation vor dem Fahrzeug berechnet wird. „Aufgrund der Leistungsfähigkeit von 6D-Vision können wir den Fahrer gerade in den Situationen unterstützen, die aufgrund der Komplexität des Verkehrsgeschehens besonders unfallträchtig sind, etwa an Kreuzungen oder in Baustellen“, sagt einer der Daimler-Entwickler, Uwe Franke. Das System reagiere in weniger als 500 Millisekunden, ein Mensch maximal zweimal so schnell, fügt Stefan Gehrig an. „Die nächsten Schritte werden sein, die teilautonomen und autonomen Fahrfunktionen weiter auszubauen, etwa auf Autobahnen“, blickt Franke in die Zukunft. Bis zum autonomen Fahren in der Stadt werde es jedoch noch „einige Jahre“ dauern.

Natürlich forscht auch BMW auf dem Feld des autonomen oder teilautonomen Fahrzeuges. Schon Mitte 2011 fuhr ein Versuchsauto ohne Fahrereingriff auf der Autobahn A9 von München in Richtung Nürnberg. Der Forschungsprototyp kann bremsen, Gas geben und von alleine überholen, jedoch angepasst an die momentane Verkehrssituation sowie unter Einhaltung aller Verkehrsregeln. Dazu bedarf es des zuverlässigen Lokalisierens des Autos innerhalb der eigenen Fahrspur und eine Kombination der Daten welche Sensortechniken wie Lidar, Radar, Ultraschall und Kameraerfassung auf allen Fahrzeugseiten bieten. Im Gegensatz etwa zu den Pendants von Google oder Toyota mit Kameras auf dem Dach und Sensoren an der Frontpartie ist der BMW dabei nicht als Versuchsfahrzeug erkennbar.

Mit einer Ende Februar verkündeten Kooperation will der Münchner Autobauer zusammen mit dem Automobilzulieferer Continental die Technik verfeinern und nach 2020 „hochautomatisierte Fahrfunktionen“ in seinen Modellen anbieten. „Mit der Vision des hochautomatisierten Fahrens bauen wir schon heute Technologie- und Methodenkompetenz auf, die es uns ermöglicht, eine Reihe modernster Fahrerassistenzsysteme anzubieten. Teilautomatisierte Fahrfunktionen wie der Stauassistent bilden schon in naher Zukunft einen wichtigen Baustein auf dem Weg zum hochautomatisierten Fahren“, erklärt Christoph Grote, Geschäftsführer der BMW Forschung und Technik GmbH.

Laut dem Robotik- und Telematikexperten Klaus Schilling vom entsprechenden Lehrstuhl der Universität Würzburg ist ein komplett selbst fahrendes Auto möglich. Dies scheitere aber noch an den juristischen Problemen. Denn gemäß deutscher Straßenverkehrsordnung müsse ein Auto eben von einem Fahrer gelenkt werden. Darum laufe momentan ein entsprechendes Forschungsprojekt mit Juristen. „Die rechtlichen Probleme sind auch der Grund, warum es trotz der sehr fortgeschrittenen Technik bisher nur Assistenzsysteme im Einsatz gibt“, fügt er an. Die werde man aber in absehbarer Zeit bei Autos in allen Klassen finden, prophezeit er. Dies begründet er schon alleine mit der alternden Gesellschaft. Oftmals sei bei den betagteren Menschen die Reaktions- und auch Sehfähigkeit beeinflusst. „Da können dann Fahrerassistenzsysteme enorm hilfreich sein, um weiter mobil zu bleiben“, argumentiert er.

Das eingangs erwähnte „Piloted Parking“ wird übrigens schon in die Praxis umgesetzt. Derzeit stattet Audi ein Parkhaus in Ingolstadt mit der notwendigen Technik aus, also einem Zentralrechner und WLAN. So soll das Fahrzeug dann wie von Geisterhand zu einem freien Parkplatz gelotst werden. Der Audi-Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler geht noch einen Schritt weiter: „Wir gehen davon aus, dass ein Serienautomobil mit pilotierter Fahrfunktion noch in diesem Jahrzehnt technisch realisierbar ist“, sagte er bei der Handelsblatt-Tagung in München.

Visionär gesehen würde das selbstfahrende Automobil auch die Vermietbranche beeinflussen. „Neben einer fahrerlosen Überführung von Fahrzeugen bei der Einsteuerung in die Fuhrparkflotte, ist auch die Verbringung des Mietwagens zum Kunden auf diese Weise denkbar. Man kann somit von einer Reduzierung der Schäden und Kosteneinsparungseffekten im Servicebereich ausgehen“ so Jürgen Lobach, Geschäftsführer der CCUnirent System GmbH (Markeninhaber von CC Rent a car).

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