Zukunftsfaktor Carsharing?

Als letzter großer internationaler Autovermieter betreibt nun auch Avis Carsharing: Das Unternehmen kaufte dazu den größten amerikanischen Carsharer, ZipCar. Wie es erfolgreich geht, sieht man bei Daimler, die mit car2go die Gewinnschwelle erreicht haben. Ist Carsharing also ein Muss? Oder gar der entscheidende Zukunftsfaktor für Vermietunternehmen?

Für den Kunden klingt es verheißungsvoll: Einfach schnell mit dem Smartphone herausfinden, wo gerade ein freies Auto in der Nähe parkt, es direkt für 15 Minuten reservieren, hinlaufen, die Mitgliedskarte vor die Windschutzscheibe halten, einsteigen und losfahren. Am Ziel das Auto einfach parken, ohne Parkgebühren zu bezahlen, denn die werden automatisch abgebucht.

Soweit das fortschrittlichste Geschäftsmodell von Carsharing, wie es etwa car2go von Daimler oder DriveNow von BMW und Sixt praktizieren. Knapp 300.000 Kunden nutzen bereits die 6.500 Fahrzeuge, die Daimler weltweit im Einsatz hat. Ein Hit ist Carsharing insbesondere in den großen Metropolen, wo immer mehr Menschen bereit sind, aufgrund von steigenden Garagenmieten und Parkplatzmangel auf den eigenen fahrbaren Untersatz zu verzichten. DriveNow eröffnete jüngst etwa eine Station am Münchener Flughafen mit der Option, den fahrbaren Untersatz nach Gebrauch einfach in der City abzustellen.

Einfach für den Kunden, doch schwierig für das Unternehmen

Was für den Kunden auf der einen Seite so locker flockig urban modern und schlank daherkommt, stellt die Unternehmen auf der anderen Seite vor gewaltige Herausforderungen. Denn ehe Carsharing in die Gewinnzone fährt, bedarf es gewaltiger Investitionen – in die Flotte ebenso wie in die Technik. car2go etwa wirtschaftet mittlerweile in drei von weltweit 18 Städten profitabel, die ersten Smarts konnten schon vor viereinhalb Jahren, im Oktober 2008, geshart werden. Das zeigt, dass Anbieter von Carsharing neben dem notwendigen Startkapital vor allem einen langen Atem brauchen.

Abkürzen lässt sich der Weg zum Erfolg nur durch den Kauf eines etablierten Dienstes, wie dies Avis Budget in den USA jüngst vorgemacht hat. Für stolze 550 Millionen Dollar erwarb die große Autovermietgesellschaft den etablierten Carsharer Zipcar, der weltweit über 700.000 Kunden zählt und in den Vereinigten Staaten in 21 Metropolregionen vertreten ist. Wirtschaftlichen Erfolg versprechen sich die amerikanischen Autovermieter neben Kostensenkungen, die durch Synergien mit dem Vermietgeschäft entstehen, vor allem vom weltweiten Wachstum. Zu eventuellen Aktivitäten in Deutschland im Zusammenhang mit dem Einstieg ins Carsharing wollte sich das Unternehmen im Moment auf Anfrage von „Kraftstoff“ noch nicht äußern.

Erst die Masse macht‘s

Denn profitabel wird Carsharing in dieser Form erst dann, wenn eine sehr große Kundenzahl das Angebot nutzt. Das wissen auch Daimler und BMW, die beide weiter auf Expansionskurs sind. So soll die Kundenzahl von car2go bis Ende dieses Jahres auf eine halbe Million ansteigen, die Flotte soll dazu auf 10.000 Fahrzeuge anwachsen, der Umsatz der Daimler Mobility Service GmbH, zu der auch die Dienstleistung Moovel gehört, bis Ende 2014 die 100 Millionen Euro-Grenze übersteigen.

Ein Vergleich dieser Zahlen mit dem Durchschnittsjahresumsatz der knapp 4.000 mittelständischen Vermietungen mit weniger als 10 Millionen Euro Umsatz – er beträgt 400.000 Euro – macht deutlich, dass Carsharing in der Form wie es die großen Hersteller und Autovermietunternehmen betreiben, selbstverständlich keine realisierbare Geschäftsoption ist. Dafür übersteigt der Kapitalbedarf für die Anfangsinvestitionen ganz erheblich den finanziellen Spielraum der mittelständischen Autovermietbranche.

Mittelstand: Innovationskraft statt Kapital

Gefragt sind für den Mittelstand der Branche daher innovative und intelligente Konzepte im Carsharing, die den Kunden maßgeschneiderte Mobilität liefern. Ein solches Erfolgsmodell, das bereits praktiziert wird, ist etwa das Angebot eines Flottenmanagements für Geschäftskunden mittels Carsharing. Privatkunden gewinnen mittelständische Autovermietunternehmen als Carsharing-Kunden am ehesten jenseits der Metropolen, in den kleineren Städten und in den ländlichen Gegenden. Carsharing macht hier in Form von Anschlussmobilität an die öffentlichen Verkehrsmittel, insbesondere die Bahn, Sinn.

Solche passgenau für eine spezielle Zielgruppe ausgeklügelten Modelle lassen sich nicht nur mit einer überschaubaren Flotte bewerkstelligen, sondern stellen auch geringere Anforderungen an die Technik im Hintergrund als Carsharing à la car2go & Co. Denn damit der Kunde überall spontan und einfach mit seiner Mitgliedskarte ein freies, geparktes Auto nutzen kann, bedarf es einer perfekten Software im Hintergrund, deren Entwicklung und Erprobung Zeit und Kapital in Anspruch nimmt.

Klassische Vermietung unter Druck?

Wenn Branchenschätzungen nun davon ausgehen, dass aus den heute 700.000 europäischen Carsharing-Nutzern bis 2020 rund 15 Millionen werden könnten, dann bedeutet das aber nicht zwangsläufig, dass Carsharing über kurz oder lang die klassische Autovermietung in den Ballungsräumen ablösen wird. Denn das Modell der spontanen, kurzzeitigen Miete hat klare Grenzen.

Eine davon sind die unterschiedlichen Bedürfnisse, die bei der Suche nach einem Fahrzeug gerade im Vordergrund stehen – auch Großstädter fahren mal übers Wochenende weg und benötigen dann ein Fahrzeug länger als nur ein paar Stunden. Zudem offerieren die großen Carsharer keine breite Modellpalette, aus der der Kunde ganz nach Gusto auswählen könnte, Zusatzausstattung oder besondere Services gibt es ebenso wenig. Gute Argumente für das klassische Vermietgeschäft gibt es daher auch in Zukunft genügend.