SPOTLIGHT
IAA 2009
Weniger Besucher, weniger Aussteller, weniger Premieren.
Dafür gab’s viele Elektroautos
Selten hatte eine Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) einen derart griffigen Beinamen, wie in diesem Jahr: Krisen-IAA. Die Automobilindustrie befindet sich schließlich in einer der schwersten – wenn nicht sogar in der schwersten – Krise der Geschichte. Ausgelöst durch die Finanzkrise brach die Nachfrage auf den Automärkten weltweit ein. Die Talfahrt scheint zwar gestoppt, doch um einen grundlegenden Wandel wird die Autoindustrie nicht herumkommen.
Die 63. Pkw-IAA in Frankfurt stand dieses Jahr unter dem Motto „Erleben, was bewegt“. Wer einen Rundgang durch die heiligen Messehallen wagte, dem wurde schnell klar, wer die Stars der diesjährigen Schau waren: Elektroautos. Kaum ein Automobilkonzern, der nicht zumindest einen Prototypen im Gepäck hatte, der entweder komplett ohne Verbrennungsmotor auskommt oder mit Hybridtechnologie Verbrennungs- und Elektromotoren gemeinsam als Antrieb nutzt.
Vor allem die deutschen Hersteller müssen sehr wachsam sein, um den Anschluss in diesem Bereich nicht zu verschlafen. Während Toyota und Honda bereits serientaugliche Hybride auf der Straße haben, fehlt ein solches Angebot im Portfolio der meisten anderen Hersteller. Doch auf der weltgrößten Automesse wurde auch klar, dass Elektroautos noch Zukunftsmusik sind, weil es auf dem Weg dahin noch etliche Probleme zu lösen gibt (siehe auch Bericht Seite 21).
BMW setzt vorerst weiter auf Verbrennungsmotoren
Die meisten Konzerne setzen daher vorerst weiter auf verbrauchsärmere, umweltfreundlichere Verbrennungsmotoren. So sagte zum Beispiel BMW-Chef Norbert Reithofer, der traditionelle Verbrennungsmotor werde noch die kommenden 15 Jahre dominieren. Nach Einschätzung des größten Automobilzulieferers der Welt, Bosch, bleiben Otto - sowie Dieselmotoren sogar noch in den nächsten 20 Jahren der „dominante Antrieb“ bei den Pkw, sagte ein Firmensprecher.
Auch der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, der die IAA ausrichtet, sieht beim Schadstoffausstoß noch „erhebliches Reduktionspotenzial“. Bei Benzin-Motoren liege es bei 25 Prozent, beim Diesel-Antrieb sogar bei gut 30 Prozent, meint der VDAChef. Die Münchner Unternehmensberatung Roland Berger hält im Zeitfenster bis ins Jahr 2020 sogar eine Senkung um bis zu 40 Prozent des Schadstoffausstoßes für möglich. Möglich werden soll die Reduktion durch technische Finessen, wie etwa die Turboaufladung, effiziente Einspritzsysteme und den Leichtbau. Beim so genannten „Downsizing“ werden der Hubraum und häufig auch die Zylinderzahl eines Motors reduziert, dadurch sinken Verbrauch und Schadstoffausstoß. Durch Turboaufladung und Direkteinspritzung geschieht dies zumeist ohne nennenswerte Einbußen bei der Motorleistung. Der Fahrspaß leidet darunter also nicht.
63. IAA Pkw 2009 Daten & Fakten
Rund 850 000 Besucher hat die weltgrößte Automesse IAA in diesem Jahr nach Frankfurt am Main gelockt. Damit verfehlte die 63. IAA Pkw zwar klar ihre Rekordbesucherzahl aus dem Jahr 2007, als knapp eine Million Besucher kamen um rund 15 Prozent. Es kamen allerdings deutlich mehr Gäste als die vom Verband der Automobilindustrie (VDA) erwarteten 750 000 Besucher. Die diesjährige Krisen- IAA dauerte vom 17. bis zum 27. September, in den Hallen der Frankfurter Messe wurden 100 Weltpremieren vorgestellt. Laut VDA hatten die deutschen Hersteller mit 42 Weltpremieren daran den Löwenanteil. Die Zahl der Aussteller lag mit 753 um etwa sieben Prozent niedriger als noch 2007, die Ausstellungsfläche verkleinerte sich von 229 000 Quadratmetern im vorvergangenen Jahr auf nun noch 185 000 Quadratmeter.
Daimler stellt Hybridlimousine Mercedes-Benz S400 vor
Dieser Sinneswandel bei den Autokonzernen kam allerdings nicht gerade von allein. Die deutschen Hersteller sind von den Emissionsvorgaben der EU, die ab 2015 einen maximalen Kohlendioxidausstoß von 130 Gramm je Kilometer im Flottendurchschnitt vorschreiben, noch weiter entfernt als das Gros der (europäischen) Konkurrenten. Allerdings sind in Deutschland auch viele Premiumhersteller zu Hause, die deutlich größere Pkw als andere Konzerne bauen.
Hierzu ein Beispiel: Der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche übergab VDA-Chef Wissmann auf der IAA einen Mercedes-Benz S 400 Hybrid als neuen Dienstwagen. Dies ist das weltweit erste Serienfahrzeug mit Hybridantrieb und Lithium-Ionen-Batterie und macht das Modell zur weltweit sparsamsten Oberklasse-Limousine mit Ottomotor. Der CO2-Ausstoß des Fahrzeugs liegt mit 186 Gramm pro Kilometer jedoch weit über den EU-Grenzwerten.
Sowohl Daimler als auch BMW sehen sich aber auf gutem Weg: Die Münchener erklärten in verschiedenen Medien, laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) liege die CO2-Emission flottenweit inzwischen bei etwa 152 Gramm pro Kilometer. Daimler kommt nach Unternehmensangaben ohne Berücksichtigung seiner Transporter in Europa auf 161 Gramm pro Kilometer. Bis 2012 sind 140 Gramm angestrebt – drei Jahre vor Inkrafttreten der EU-Norm von 130 Gramm.
Wissmann: Die Zukunft gehört dem Elektroantrieb
VDA-Chef Wissmann zeigte sich zum Abschluss der IAA davon überzeugt, dass der normale Verbrennungsmotor mit seiner mehr als „100 Jahre langen Erfolgsgeschichte“ bloß noch für eine absehbare Zeit die Mobilität dominieren werde. Die Zukunft gehöre dem Elektroantrieb. Vor diesem Hintergrund sei es „erfreulich“, dass sich deutsche Entwicklungschefs auf einen genormten Stecker für die Batterieaufladung der Elektroautos geeinigt hätten, so Wissmann.
Der bisherige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sprach bei seinem Besuch auf der IAA gar von einem „elektromobilen Zeitalter“, das alsbald anbreche: „Die Hersteller bieten zahlreiche Konzepte für Elektroautos an, jetzt ist es wichtig, dass diese Technologie in den Markt kommt. Wir werden in den kommenden Monaten darüber nachdenken, wie wir den Absatz fördern können. Klar ist: hier ist das Engagement der öffentlichen Hand nötig.“
Oder zumindest branchenübergreifende Kooperationen, wie zwischen Volkswagen und Varta. Der Wolfsburger Konzern will bei der Entwicklung leistungsfähiger Batterien fortan mit dem baden-württembergischen Batteriehersteller Varta zusammenarbeiten. Beide wollen sich auf die Entwicklung preislich konkurrenzfähiger Lithium-Ionen-Batterien konzentrieren. Bereits jetzt arbeitet VW bei Elektroantrieben mit anderen Firmen zusammen, vorwiegend aus Japan.
Dudenhöffer vermisst bedeutende Produktpremieren
Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer wertete es Medienberichten zufolge als „positiv“, dass die Kunden bei der IAA eine Vorstellung von den neuen Antrieben bekommen hätten. Die diesjährige IAA stufte er jedoch wegen fehlender Premieren neuer Modelle mit größerer Marktbedeutung als „deutlich verhaltener“ ein. Ziehe man den neuen Opel Astra ab, bleibe bei den Produktpremieren nicht viel übrig, sagte er. Es war eben doch eine Krisen-IAA.
IAA Top-News +++ Kommt der Trabant zurück? +++ Extra-Angebote für Frauen +++ Mobil mit Auto trotz Handicap
Kommt der Trabant zurück?
Er ist nicht ganz vier Meter lang, wiegt rund eine Tonne, hat drei Türen und bietet bis zu fünf Sitzplätze. Der neue Trabant nT reanimiert zumindest optisch die inzwischen schon zum Kult gewordene „Rennpappe“ aus der ehemaligen DDR. Anders als das stinkende Zweitakter- Vorbild soll der neue Trabant der sächsischen Firma Indikar aus Wilkau-Haßlau mit Elektromotor angetrieben werden. Für die nötige Stromzufuhr sorgt eine Lithium-Ionen- Batterie. Der mittelständischen Ideenschmiede fehlt allerdings das Geld, um ihren Prototyp in Serie produzieren zu lassen, sie sucht daher einen Investor. Indikar rechnet damit, 2012 den ersten Trabant auszuliefern.
Extra-Angebote für Frauen

Frauen interessieren sich – entgegen dem landläufigen Klischee – nicht weniger für Autos als Männer, sondern anders. Um diesen eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden, gab es in Halle 4.0 auf der diesjährigen IAA eine eigene LadiesCorner. Dort wurden Frauen „in gemütlicher Atmosphäre“ über automobile Themen informiert. Auf 150 Quadratmetern hatte das Internet-Portal hallo-frau.de eine Erlebniswelt nur für weibliche Besucher aufgebaut. Informiert wurde dort unter anderem über Kindersicherungen oder den richtigen Umgang mit Werkstätten und Versicherungen. Die Besucherinnen konnten außerdem ihren Traum-Autolack kreieren.
Mobil mit Auto trotz Handicap

Erstmals seit ihrem Bestehen bot die IAA in diesem Jahr eine Sonderausstellung zum Thema „Mobilität in allen Lebenslagen“, die sich an körperlich eingeschränkte Personen richtete. Auf mehr als 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche am Stand D30 in Halle 4 zeigten BMW, Opel und Daimler behinderten- und seniorengerecht ausgestattete Fahrzeuge. Diese Autos sind mit Zusatzausstattungen wie zum Beispiel Dreh- oder Schwenksitzen versehen. An Teststationen konnten die Besucher ihre Reaktionsfähigkeit und Muskelkraft überprüfen. Auf der „Test and Drive“-Freifläche vor Halle 9 konnten umgerüstete Autos auch Probe gefahren werden.
Chronologie:
Die Geschichte der IAA in Schlaglichtern
1897: Die erste IAA findet im Berliner Hotel Bristol statt, acht „Motorwagen“ werden dort der Öffentlichkeit vorgestellt.
1921: Die 14. IAA findet in Berlin statt – die erste nach dem Ersten Weltkrieg. 67 Hersteller stellen dort 90 Pkw- und 49 Lkw- Modelle aus. Im Vordergrund dieser IAA steht das Thema Komfort.
1931: Trotz der noch spürbaren Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise findet die 22. IAA in Berlin statt, auf der das erste Auto mit Frontantrieb gezeigt wird. 295 000 Besucher werden gezählt.
1939: Die letzte IAA vor dem Zweiten Weltkrieg findet in Berlin statt. Die 29. Schau erreicht mit 825 000 Besuchern einen Rekord. Erstmals wird der neue „Volkswagen“ präsentiert, der später als VW Käfer Autogeschichte schreibt.
1951: Im April findet erstmals eine Autoschau in den Frankfurter Messe statt. Es kommen 570 000 Besucher, um unter anderem den weltweit ersten Lkw mit Turbo-Dieselmotor zu sehen. Im September kommen zur 35. IAA nach Berlin 290000 Besucher. Von nun an findet die IAA im Zwei-Jahres-Rhythmus in Frankfurt statt.
1961: Zur 40. IAA kommen 950 000 Besucher, ein neuer Rekord.
1965: Der erste japanische Hersteller stellt seine Fahrzeuge in Frankfurt aus.
1981: Energiesparen steht erstmals im Vordergrund der Berichterstattung über die 49. IAA.
1989: Die letzte gemeinsame IAA für Pkw und Nutzfahrzeuge findet in Frankfurt statt. Die Veranstaltungen werden getrennt, weil die Frankfurter Messe zu klein für beide Branchen geworden ist.
1991: Die erste alleinige Pkw-IAA findet in Frankfurt statt. 1271 Aussteller aus 43 Länder zeigen auf rund 200 000 Quadratmetern ihre Produkte. 935 000 Besucher kommen.
1992: Die erste Nutzfahrzeuge-IAA in Hannover wird von 287 000 Gästen besucht.
2007: Die 62. IAA Pkw gehört zu den erfolgreichsten IAAs in der bisherigen Geschichte. Rund eine Million Besucher aus 125 Ländern haben die Schau gesehen.
2008: Bei der 62. IAA für Nutzfahrzeuge in Hannover wurde mit fast 300 000 Gästen aus 110 Ländern ein neuer Besucherrekord aufgestellt. Auch ansonsten setzte die IAA neue Maßstäbe: 2084 Aussteller aus 48 Ländern zeigten ihre Produkte auf 275 000 qm.
[jhs]
