SPOTLIGHT | IAA
Nutzfahrzeuge: schwer im Kommen!
Neues von der IAA 2008

Matthias Wissmann (VDA), Karl Viktor Schaller (Vorstand Technik und Einkauf, MAN) und Ministerpräsident Christian Wulff (v.l.) mit Modellen von MANTrucks beim Eröffnungsrundgang auf der IAA
Denn mit nicht weniger als 258 Welt-, 103 Europa- und 82 Deutschlandpremieren öffnete die Messe Ende September ihre Pforten, mit dem Ziel, sämtliche Rekorde der Vorjahre zu brechen – mit Erfolg. Die Ausstellerfläche wuchs gegenüber 2006 auf 275 000 Quadratmeter. Insgesamt 2066 Unternehmen entfachten ein Neuheiten-Feuerwerk – das ist ein Plus von 33 Prozent. Davon waren 1217 Teilnehmer den Teile- und Zubehörherstellern zugehörig und 235 den Anhänger- und Aufbautenfirmen. Soweit die Statistik. Beginnen wir aber nun mit unserem Rundgang über die Messe in der Hauptstadt Niedersachsens.
Nutzfahrzeuge – für alle unterwegs
Beeindruckende Messestände von Mercedes...
Veranstalter der weltweit wichtigsten Mobilitätsausstellung ist der Verband der Automobilindustrie, kurz VDA. Die zentralen Themen des Veranstalters sind die Sicherheit und umweltfreundlichen Technologien – wie schon bei der IAA PKW. Verbandspräsident Wissmann stellt klare Forderungen: „Die Nutzfahrzeugindustrie ist führend in der Umwelttechnologie, sie investiert Milliardenbeträge in die Verbesserung der Transporteffizienz, in die Senkung der Schadstoffe und in die CO2-Reduktion.
Gleichzeitig müssen wir jedoch feststellen, dass der Erhalt und Ausbau unserer Verkehrsinfrastruktur mit dem gestiegenen Transportaufkommen keineswegs Schritt hält – und auch künftig sehen wir eine große Finanzierungslücke. Wenn der Wirtschaftsstandort nicht im Stau stecken bleiben soll, ist die Politik gefordert.“

...und Iveco
Angesichts des Mottos der diesjährigen IAA „Nutzfahrzeuge – für alle unterwegs“ scheinen die wachrüttelnden Worte an die Politiker des Landes gerechtfertigt, denn die Hersteller und Zulieferer sind bereits übereifrig am Werk: Die Daimler AG präsentierte in Hannover gleich elf Fahrzeuge mit alternativen Antrieben, darunter drei Weltpremieren der Marke Mercedes. Der weltgrößte Nutzfahrzeughersteller zeigte Gas-, Hybridund Brennstoffzellen-Fahrzeuge.
Auch die IAA Nutzfahrzeuge ist grün
Mit Erdgasautos lassen sich die Kraftstoffkosten senken – das Einsparpotenzial liegt bei rund 50 Prozent. Nicht ganz so viel, aber immerhin 30 Prozent Spritkosten spart der Mercedes Sprinter NGT. Der Wagen, der sowohl mit Gas als auch mit Benzin betrieben werden kann, verursacht zudem knapp 80 Prozent weniger Geräuschemissionen. Daneben thematisiert Mercedes die Zukunft des Diesels. Die Kombination von Diesel- und Elektromotor soll künftig im Axor, einem Fahrzeug aus der Klasse mittelschwerer LKWs, zum Einsatz kommen. Der Hybrid-Prototyp verbraucht sechs Prozent weniger Kraftstoff als sein Dieselpendant. Nicht nur der Axor soll aber auf den Beinamen Bluetec Hybrid hören, auch die Econic-Baureihe stand als seriennaher Hybrid auf der 11 500 Quadratmeter großen Ausstellerfläche.

„International Van of the Year 2009“: stolze Preisträger der italienischfranzösischen Coproduktion
Der LKW für Spezialaufbauten soll einer weiteren Studie zufolge außerdem als Econic NGT Hybrid, also mit einer Verbindung von Erdgas- und Elektromotor kommen. Zugegeben, es schwingt viel Zukunftsmusik durch die Messehallen, aber schon in Kürze finden sich die zahlreichen verschiedenen Technologien in den Lastkraft- und Kastenwagen dieser Welt wieder – ganz sicher. Vielleicht sogar als überragendes Gesamtkonzept, welches es auszuzeichnen gilt. Denn auf der IAA werden gleich drei renommierte Preise vergeben: Den Titel des „International Truck of the Year 2009“ holte sich der Mercedes Actros, der optisch verschönert und mit mehr Komfort in den Handel rollt.
In punkto Sicherheit gibt Mercedes den Ton an
Im Actros selbst leistet der Notbremsassistent „Active Brake Assist“ weiterhin gute Dienste. Das System erkennt vorausfahrende Vehikel mit Hilfe von Radarsensoren. Es misst permanent den Abstand zwischen beiden Verkehrsteilnehmern und reguliert die Geschwindigkeit. Der Fahrer hat zu jeder Zeit das Zepter fest in der Hand. Das bewährte System wird nun auch in die Busse Mercedes Travego und Setra TopClass Einzug halten. Für alle Sprinter, die mit montierter Anhängerkupplung vom Band laufen, spendiert Mercedes erstmals den „Trailer Stability Assist“, kurz TSA, ein erweitertes ESP für Fahrzeuge mit Anhänger.

Ausgezeichnet:
der Actros von Mercedes ist der „International Truck of the year 2009“
In Vito und Viano ist das spezielle Stabilitätsprogramm bereits Serie. Ein radargestütztes Assistenzsystem zur Erfassung des toten Winkels bringt noch in diesem Jahr Continental auf den Markt. Das Gerät ist in der Lage, zwischen stehenden und beweglichen Hindernissen zu unterscheiden. Befindet sich etwas im toten Winkel, so gibt es für den Fahrer ein Warnsignal. Darüber hinaus steht für den Reifenhersteller die Verbrauchssenkung durch die Entwicklung neuer Leichtlaufpneus im Mittelpunkt. Durch verbesserten Rollwiderstand erzielen der HTR 2 und der HTL nun günstigere Verbrauchswerte – ausgezeichnet! Das ist das Stichwort für Citroën Nemo, Fiat Fiorino und Peugeot Bipper. Die baugleichen Kompakttransporter sind zum „International Van of the Year 2009“ gekürt worden. Alle drei Lastentiere sind etwa 3,86 Meter lang und haben ein Ladevolumen von 2,5 bis 2,8 Kubikmeter. Die Nutzlast beträgt um die 535 Kilogramm.
Viele Hersteller geben Gas

Bei VW: der Caddy 4Motion
Insgesamt 21 Fahrzeuge wurden auf dem Citroën-Messestand ins Rampenlicht gerückt: Mit dem kleinen Nemo, dem Berlingo First, dem neuen Berlingo, dem Jumpy und Citroens größtem Transporter Jumper ist der Nutzfahrzeughersteller breit aufgestellt. Alle Modelle gibt es nicht nur als Serienfahrzeug, sondern auch als spezielle Branchenvariante. Der Nemo beispielsweise empfiehlt sich in einer Sonderversion als Begleiter für Schornsteinfeger. Auch Fiat will weiterkommen und gibt im wahrsten Sinne des Wortes mächtig Gas: 2009 kommt der Doblò Cargo Maxi Natural Power auf den Markt, also ein Kleintransporter mit Erdgasantrieb, der vier Kubikmeter Ladung aufnimmt. Auch den 136 PS starken Ducato und den Fiorino mit 65 PS soll es künftig mit Erdgas geben. Letztgenannter kommt zudem als Electric mit einer Leistung von 60 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h schon Ende des Jahres auf den Markt.
Auch der Dritte im Gewinnerteam, nämlich Peugeot, startete mit vier Welt-, einer Europa- und zwei Deutschlandpremieren auf der IAA durch. Der elsässische Allradspezialist Dangel realisierte den Partner Silhouette ebenso wie den Expert Tepee Vagabond 4x4, ein Kompakt-Wohnmobil auf Basis des Expert. Kleinere Brötchen backt hingegen Ford: In der Messehalle gaben die Kölner einen Ausblick auf den neuen Fiesta Van, der ein Ladevolumen von etwa einem Kubikmeter hat. Dem Fiesta Van fehlen im Vergleich zum jüngst erschienenen Kleinwagenmodell schlichtweg die hinteren Seitenfenster und die Rücksitzbank. Schon Anfang 2009 rollt das kleine Nutzfahrzeug auf den Markt. Außerdem: Von Topseller Transit wird es künftig eine Variante mit automatisch zuschaltbarem Allradantrieb geben. Nicht nur der Transit läuft darüber hinaus weiterhin mit Sport-Optik zur Höchstform auf, auch der Connect treibt es fortan bunter. Auch, wenn es schier unmöglich ist, auf dem Messerundgang alle Modelle, technischen Innovationen und Zukunftsvisionen unter die Lupe zu nehmen, so registriert der Geist – aha, Nissan zeigt die seriennahe Studie Cabstar Hybrid und das Konzeptcar NV 200. Ach, und die Firma Hartmann hat für den AVD einen Isuzu D-Max zum Pannenfahrzeug mit Heckkamera zur Überwachung des Hublifts umgerüstet. Ja, und Clean Diesel Technologies präsentiert ein neues Nachrüstsystem zur Schadstoff-Reduzierung für kommerziell genutzte Diesel-Fahrzeuge. Das System, das die Partikelemissionen um bis zu 99 Prozent verringert, ermöglicht eine rasche Umrüstung von Euro 1 auf Euro 4. Währenddessen stellen die im europäischen Nutzfahrzeugverband ACEA organisierten Hersteller DAF, Daimler, Iveco, MAN, Scania, VW und Volvo ihre „Vision 20-20“ vor, in der es um die weitere Reduktion von Emissionen geht. Schließlich tritt ab Herbst 2009 schon die Euro 5- Norm in Kraft.
Abgasrückführung ist das Zauberwort
TGL und TGM des Münchner Herstellers MAN sollen sparsame, umweltfreundliche Dieselmotoren bekommen, die die neue Schadstoffnorm bereits erfüllen – ohne Additiv, sondern durch Abgasrückführung. Beide Modelle wurden optisch überarbeitet. Auch Scania setzt neben den SCR- und EEV-Motoren auf innermotorische Lösungen, bei denen keine Abgasnachbehandlung mit der Harnstofflösung AdBlue erfolgt. Darüber hinaus feierten Scania-LKW mit Ethanolmotoren in Hannover Weltpremiere.

Scania ganz ohne AdBlue (l.) und Renault (r.) sorgte auf der Messe für Unterhaltung
Gänzlich neue Fahrzeuge gab es in diesem Jahr aber nur wenige, und zwar bei allen Herstellern. So hatte Opel mit Combo, Vivaro und Movano die üblichen Verdächtigen im Gepäck. Renault spendiert dem Kangoo Rapid einen neuen 1,5-Liter-Dieselmotor mit 90 PS und serienmäßigem Partikelfilter, der nur 5,3 Liter Kraftstoff verbraucht. Rapid und Rapid Compact sind seit Mitte des Jahres im Handel und bekommen beide eine neue Leiterklappe mit kombinierter Klapp- und Schiebefunktion. Die Schweden hingegen, nämlich Volvo Trucks, präsentierten gleich drei neue Modelle: den FH16, den FH und den FM mit 11-Liter-Motor. Außerdem wurde ein Müdigkeitswarnsystem vorgestellt, welches das Fahrverhalten der Trucker mit Hilfe einer Kamera, die auf die Straße gerichtet ist, überwacht. Weg von den Schweden hin zu den Wolfsburgern: Volkswagen Nutzfahrzeuge kam mit fünf Weltneuheiten in die Landeshauptstadt. Zum Einen gewährte VW einen Ausblick auf die neue vierte Baureihe leichter Nutzfahrzeuge, den Pick-up, der Anfang 2010 nach Europa kommt. Nicht ganz solange muss auf den Kleinlieferwagen Caddy 4Motion gewartet werden. Bereits in diesem Winter kann der Allrad-Caddy sein Können beweisen. Sein Vierzylinder-Turbodiesel leistet 105 PS. Als Kastenwagen verbraucht er 6,6 Liter, als Kombi oder Life 6,7 Liter Sprit. Vom Caddy 4Motion abgeleitet ist die Studie PanAmericana. Das Konzeptcar hat 16-Zoll-All- Terrain-Reifen, Offroad-Optik und eine Lederausstattung. Ganz exklusiv und vor allem schon zu haben ist der Caddy Life Style Edition. Er ist von November an im Handel. Auch mit dem Crafter hat VW Pläne: Das Showcar stand als sparsame Variante BlueMotion in der Messehalle. Der 3,5-Tonner verbraucht nur 9,1 Liter Diesel – Klassenziel erreicht, die IAA 2008 war dabei nicht nur für VW ein echter Erfolg. [scw]
- Eine Schau der Superlative:
Die 62. IAA Nutzfahrzeuge 2008
- Die Ausstellungsfläche ist mit rund 275 000 Quadratmetern größer als 38 Fußballfelder. Die Internationale Automobilausstellung (IAA) Nutzfahrzeuge 2008 ist flächenmäßig nochmals zehn Prozent größer als die bisherige Rekordausstellung aus dem Jahr 2006.
- Die Zahl der Aussteller ist gegenüber der bisherigen Rekord- IAA aus dem Jahr 2006 mit damals 1556 Ausstellern nochmals um knapp ein Drittel auf 2066 gestiegen. Allein die Zahl der Teile- und Zubehörhersteller stieg um 39 Prozent auf 1217 Aussteller.
- Auch bei den teilnehmenden Ländern bricht die 62. IAA Nutzfahrzeuge alle Rekorde: In diesem Jahr sind Hersteller aus 48 Ländern zu Gast, 2006 waren es noch 45.
- Insgesamt 1183 Aussteller oder 57 Prozent der diesjährigen IAA Nutzfahrzeuge kommen aus dem Ausland. Vor zwei Jahren waren es mit 782 noch deutlich weniger. Die meisten ausländischen Hersteller kommen aus Italien (148), der Türkei (136) oder China (133).
- Auf der IAA Nutzfahrzeuge gab es 258 Weltpremieren, drei mehr als noch bei der 61. Auflage. 63 Weltpremieren bieten die Fahrzeughersteller selbst, 43 sind Anhänger, Aufbauten oder Container und im Bereich Zubehör gab es 152 Weltpremieren zu sehen. [jhs]
Fotos: VDA
