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Brummis trotzen der Absatzkrise

2007 wurde als Rekordjahr gefeiert. Es bleibt abzuwarten, ob die Nutzfahrzeugbranche 2008 hieran anknüpfen kann.
Während die PKW-Neuzulassungen in Deutschland schon seit Jahren rückläufig sind, folgt der Nutzfahrzeug-Absatz eher der Devise: höher, schneller, weiter. Allein von 2004 bis 2007 stieg die Zahl der jährlich neu zugelassenen Lastkraftwagen laut Statistischem Bundesamt von 215.000 auf rund 274.000 Fahrzeuge. Selbst im absoluten PKW-Krisenjahr 2007 stieg die Zahl der neu zugelassenen Nutzfahrzeuge, inklusive Zugmaschinen, Busse und anderer Nutzfahrzeuge, dem Verband der Automobilindustrie (VDA) zufolge um 30.000 auf rund 334.000 Fahrzeuge; ein neuer Rekord. Doch nun scheint auch der deutsche Nutzfahrzeugmarkt zu stagnieren.
Wiederholung des Rekordjahres 2007?
nationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) von einem wenn auch nur moderaten Wachstum der Neuzulassungen in Deutschland ausgegangen. Nach der Veröffentlichung der August-Zahlen erwartete der VDIK für das Jahr 2008 ein Zulassungsergebnis von rund 334.000 Einheiten, und damit das gleiche Ergebnis wie im Rekordjahr 2007. Während die Neuzulassungszahlen bei schweren Nutzfahrzeugen über 16 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht (zGG) in den ersten acht Monaten gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um 2,4 Prozent stiegen, sackten sie bei den Nutzfahrzeugen von 6 bis 16 Tonnen zGG um beinahe fünf Prozent auf weniger als 20.000 Fahrzeuge ab.
Klar zugelegt haben laut VDIK in den ersten beiden Jahresdritteln auch die Fahrzeugklassen zwischen 3,5 und 6 Tonnen zGG (plus 6,9 Prozent) sowie bis 3,5 Tonnen zGG (5,6 Prozent). Einer VDA-Aufstellung zufolge profitierten von der hohen Nachfrage im Nutzfahrzeugsektor vor allem die Hersteller kleiner Transporter. Die Zahl der neu zugelassenen Nutzfahrzeuge bis zwei Tonnen zulässiges Gesamtgewicht stieg um rund 25 Prozent auf über 17.500 Fahrzeuge an. Bis zum Jahresende erwartet der VDIK eine weitere Abkühlung der Marktlage – vor allem bei den schweren Nutzfahrzeugen. Dafür gibt es laut VDA und VDIK mehrere Gründe.
Kaufbremse: LKW-Maut
Einer der Wichtigsten für die aufkommende Kaufzurückhaltung ist die anhaltende Diskussion um die künftige Höhe und Entwicklung der LKW-Maut. VDIK-Präsident Volker Lange sagte, die Beschlüsse der Bundesregierung zur Festlegung der neuen LKW-Mauthöhe ab Januar 2009 könnten nicht überzeugen. „Die Zahlen basieren auf einem unveröffentlichten Gutachten: dem Wegekostengutachten 2007“, erklärte Lange Anfang Juli beim 12. „VDIK-Dialog“ in Walluf bei Wiesbaden. In diesem Gutachten seien „einige praxisferne Annahmen“ getroffen worden. Daher hege man den Verdacht, „das Ziel des Vorhabens sei eine Einnahmenmaximierung um jeden Preis“, erläuterte der Verbandspräsident vor einigen Monaten bei der Tagung.
Weniger Spritverbrauch und saubere Abgase
Um den Nutzfahrzeugabsatz dennoch anzukurbeln, setzen die Verbände und Hersteller auf schadstoffärmere und spritsparende neue Modelle, die für die Halter steuerlich und auch bei der LKW-Maut Vorteile bringen. VDA-Präsident Matthias Wissmann sagte vor Beginn der 62. IAA Nutzfahrzeuge in Hannover im September, moderne Nutzfahrzeuge vereinten „höchste sicherheitstechnische und ökologische Standards“ und seien beim Umweltschutz vorbildlich. Sie hätten maßgeblich dazu beigetragen, dass die Gesamtemissionen des Straßenverkehrs wie etwa Stickoxide oder Feinstaubpartikel seit 1990 um bis zu 95 Prozent reduziert wurden. „Die Hersteller und Zulieferer haben ihre Hausaufgaben gemacht“, betonte VDA-Chef Wissmann.
Die Trends gehen bei allen Herstellern eindeutig zu weniger Spritverbrauch und saubereren Abgasen. Laut Wissmann ist die deutsche Nutzfahrzeugindustrie bereits jetzt „führend in der Umwelttechnologie“. Milliardenbeträge würden in die Verbesserung der Transporteffizienz, in die Senkung des Schadstoff- und des Kohlendioxidausstoßes investiert. Seit Oktober 2008 gilt die Abgasnorm Euro V für schwere LKW – dadurch müssen die Stickoxide um 90 Prozent gegenüber 1990 verringert werden. Die deutsche Autoindustrie sei darauf gut vorbereitet, sagt Wissmann. So werde bei Nutzfahrzeugen mit Dieselmotoren derzeit beispielsweise die SRCTechnologie und der Zusatzstoff AdBlue eingesetzt, um den Schadstoffausstoß zu senken.
Dass die Reduzierung des Schadstoffausstoßes derzeit das Thema bei den Nutzfahrzeugen ist, bestätigt auch Detlef Hug von MAN. „Emissionen und Emissionsrichtlinien beschäftigen alle in der Branche“, sagt er. Auf der IAA hat der Münchner LKW- und Bus-Hersteller völlig neue Motoren vorgestellt, „die die Schadstoffklasse Euro V innenmotorisch erreichen“, betont Hug. Zusatzstoffe wie AdBlue und eigene Tanks hierfür seien somit nicht mehr nötig. Bei der SRC-Technologie werden die Schadstoffemissionen durch die Beimischung von Ammoniak zu den Abgasen verringert. Ammoniak wird in Form von AdBlue zugesetzt – es handelt sich also um eine Nachbehandlung der Abgase. Die Markenrechte für AdBlue liegen beim VDA.

Transporterhersteller verzeichnen deutlichen Zuwachs an Nachfrage.
Neue Motoren für bessere Werte
Auch der schwedische Scania-Konzern hat auf der IAA neue Motoren vorgestellt. Diese neue Motorenplattform sei entwickelt worden, um wirtschaftliches Fahren noch besser umzusetzen. Leistung und Drehmoment bestimmten die Fahrbarkeit der Fahrzeuge und der Antriebsstrang sei für Kraftstoff sparendes Fahren optimiert. Auch die neuen Scania-Motoren, die die Werte für Euro V einhalten, kommen ohne AdBlue aus. Dies sei „die Messlatte zukunftsorientierter Motorentechnologie“, heißt es bei den Schweden. Scania hat außerdem einen LKW vorgestellt, der mit Ethanol-Motor ausgestattet und somit als Verteiler-Fahrzeug in der Stadt geeignet ist.
Bei MAN wappnet sich man aber auch schon für die nächststrengere Abgasnorm Euro VI, die voraussichtlich 2013 eingeführt wird. „Transporteffizienz ist enorm wichtig“; sagt Hug. Denn die Dieselpreise machen seit dem Preisanstieg an den Tankstellen bei einem Fuhrunternehmen ein Drittel aller Betriebskosten aus. Für Stadtbusse und Liefer-LKW entwickelt MAN derzeit einen Hybridantrieb. Trotz aller Innovationen bemerken allerdings auch die Münchner „nach mehr als fünf Jahren rasanten Wachstums“, dass sich die Auftragseingänge nicht mehr weiter nach oben entwickeln, sondern „sich auf einem hohen Niveau stabilisieren“. Die Auftragslage normalisiere sich, so Hug. Dennoch seien bereits jetzt alle 2008 noch produzierten Fahrzeuge verkauft, und auch in den Auftragsbüchern für 2009 sehe es schon recht gut aus, sagt er.
Gesättigter Markt verhindert Wachstum
Nichtsdestotrotz sehen etliche Hersteller in Westeuropa nur noch geringe Wachstumschancen. Der Chef der VW-Nutzfahrzeugsparte, Stephan Schaller, sagte vor Beginn der IAA in einem Interview, Westeuropa sei im Moment „der am härtesten umkämpfte Markt weltweit“, weil er weitgehend gesättigt sei. VW Nutzfahrzeuge habe mit einem Marktanteil von rund 15 Prozent eine Spitzenposition. Diesen Anteil zu halten sei bereits eine große Aufgabe. Ihn noch weiter zu steigern, „geht nur über Verdrängung“.
Hauptwachstumsmarkt sei zurzeit Russland – aber auch der chinesische Markt sei „immer interessant“. Allerdings seien die Ansprüche dort ganz andere „als in unseren angestammten Märkten“, erläuterte Schaller in der Zeitung „Die Welt“.
Auch auf der IAA war diese Entwicklung gen Osten zu spüren – ihr wurde zum Beispiel mit einem eigenen Indientag Rechnung getragen. Beim „IAA-India-Day 2008“ konnten sich die Kunden mit den Herstellern über die Perspektiven auf dem indischen Nutzfahrzeugmarkt und über mögliche deutschindische Projekte austauschen. Der Transportbedarf in Indien wächst derzeit nämlich enorm. Der Markt für Nutzfahrzeuge hat sich laut VDA allein zwischen 2000 und 2007 auf ein Volumen von annähernd 480.000 Fahrzeugen nahezu verdreifacht. Indien ist deshalb einer der wichtigsten Wachstumsmärkte für die Nutzfahrzeugindustrie weltweit. Von solchen Zuwachsraten kann die Branche in Deutschland und (West) Europa nur noch träumen. [jhs]
Fotos: CCUniRent
