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Die Ruhe vor dem Sturm
Die "Abwrackprämie", die ja eigentlich Umweltprämie heißt, ist ein heißer Anwärter auf den Titel "Wort des Jahres 2009". Politiker und Autohersteller kamen aus der Lobhudelei für die 2500 Euro nicht mehr heraus - und auch etliche Kunden freuten sich über den Staatszuschuss beim Neuoder Jahreswagenkauf. Des einen Freud ist zumeist aber auch immer des anderen Leid: Die Gebrauchtwagenhändler stehen seither unter einem noch größeren Kostendruck.
Der Gebrauchtwagenbereich sei durch die Abwrackprämie "deutlich schwieriger geworden", sagt Michael Bergmann, Geschäftsführer beim Automobildienstleister EurotaxSchwacke aus dem hessischen Maintal. Während die Standzeiten von Gebrauchten beim Händler dramatisch um durchschnittlich zehn Prozent gestiegen seien, seien ihre Preise in den letzten Monaten um knapp 16 Prozent gesunken. Der Kleinwagenbereich habe sich dabei als stabiler erwiesen.
Die Grundtendenz bei den Käufern sei derzeit, kleinere Wagen zu kaufen - auch im Bereich der Gebrauchten. "Ab der Mittelklasse ist die Nachfrage stark gesunken", sagt Bergmann. Die Ursache habe aber nur "wenig" mit der Abwrackprämie zu tun, erklärt der Experte: "Das Hauptproblem ist die Überkapazität." Damit die Autokonzerne ihre Fahrzeuge losbekommen, müssten sie riesige Rabatte geben oder sie als Tageszulassungen verkaufen.
Eine weitere Möglichkeit für die Konzerne, ihre Überproduktionen auf den Markt zu drücken, sei der Verkauf ganzer Flotten an Mietwagenfirmen - natürlich deutlich unter den Preisen des Autohandels. Die Wirtschaftskrise, betont Bergmann, habe "die ganze Preisentwicklung stark beschleunigt". Die Gebrauchtwagenpreise "die sich schon jahrelang in der Abwärtsbewegung befinden", seien nun regelrecht abgestürzt. Und: "Die Talsohle ist da noch nicht erreicht."
"Der Privatmarkt bricht 2010 ein"
Denn auch wenn die Abwrackprämie jetzt erst einmal Geschichte und eine Neuauflage derzeit nicht in Sicht ist, hat sie den deutschen Pkw-Markt insgesamt - und vor allem eben den Markt für Gebrauchte - massiv durcheinander gewirbelt. Bis zum Ende des Jahres prognostiziert der Verband der Automobilindustrie (VDA) knapp 3,6 Millionen Neuzulassungen - 2,1 Millionen von privat. Für 2010 rechnet EurotaxSchwacke nur noch mit maximal 2,8 Millionen Neuzulassungen.
"Der Privatmarkt bei Neufahrzeugen bricht kommendes Jahr ein", meint Bergmann. Die Händler müssten mit weniger Volumen zurechtkommen und daher ihre Fixkosten senken und den Bruttoertrag pro verkauftem Auto erhöhen, um das Geschäft am Leben zu halten. "Allerdings wird vor allem der zweite Aspekt schwierig", so der EurotaxSchwacke- Chef. Denn: 2010 geht die ohnehin schon ruinöse Rabattschlacht der Autobranche in die nächste Runde.
Das alles wird auch Auswirkungen auf den Gebrauchtwagenmarkt haben, so Bergmann: "Die Kunden, die sich bislang zum Beispiel einen drei Jahre alten Leasingrückläufer gekauft hätten, haben sich nun mit der Abwrackprämie einen neuen Kleinwagen geleistet." Leasingrückläufer müssten deshalb unter Wert verkauft werden. Das wird dann für den ein Problem, der das Restwertrisiko trägt - meist also Autohändler oder die Leasingfirmen.
Zur Person
Michael Bergmann ist seit März dieses Jahres Geschäftsführer beim Automobildienstleister EurotaxSchwacke im hessischen Maintal. Bergmann kommt von Mazda Motors Deutschland (MMD), wo der heute 47-Jährige während der vergangen fünf Jahre das Erscheinungsbild der Marke in Deutschland in erheblichem Maße geprägt und Mazda als zweitgrößten japanischen Importeur fest etabliert hat. Bergmann hatte MMD im August vergangenen Jahres auf eigenen Wunsch verlassen. Der Jurist war zuvor in leitenden Positionen bei General Motors Europe tätig - unter anderem als Direktor für die Händlernetz-Entwicklung sowie als Geschäftsführer von Opel Niederlande. Bergmann folgt bei EurotaxSchwacke auf Martin Verrelli, der seit Anfang des Jahres für das Konzern-Remarketing bei Volkswagen verantwortlich ist.
Die psychologische Wirkung der Abwrackprämie
"Der Händlermarkt wird sich zum Teil bereinigen", meint Bergmann. Hinter der zurückhaltenden Formulierung steckt nicht weniger als die Ankündigung einer Pleitewelle. Der Experte rät den Händlern deshalb schon jetzt, das zusätzliche Geschäft mit der Abwrackprämie zu nutzen, um Geld für das kommende, magere Jahr beiseite zu legen. Das gilt sowohl für Neuwagen- als auch für Jahreswagenund Gebrauchtwagenhändler: "Der Markt bleibt weiter unter Druck."
Nichtsdestotrotz hatte die Abwrackprämie auch ihre guten Seiten - nicht nur für die Hersteller und die Politik. "Die Prämie hat einigen Händlern das Überleben gesichert", weiß der Experte zu berichten. Diese hätten ihren Bestand an Neu- und Jahreswagen "bereinigen" können - und verschafften sich durch die Vielzahl von Kunden, die von der Prämie zum Autokauf angeregt wurden, neue Liquidität. Das jedoch sei ein Einmaleffekt, der nicht wiederholt werden kann.
Neben allen harten wirtschaftlichen Fakten hat die Prämie und die von ihr ausgelöste Kauflust auch eine nicht zu unterschätzende psychologische Komponente, die für den Automarkt in der Zukunft von Bedeutung ist. Nur wenige Wochen vor Einführung der Prämie galten Neuwagen vielen Deutschen noch als "CO2-Schleudern" oder als "Russpartikel- Monster". Die Prämie führte zu einem Sinneswandel: Neuwagen sind nicht mehr die Buhmänner der Nation.
Ob die Umweltprämie der Umwelt nützt, ist fraglich
Den Tatsachen entspricht dieser Meinungswandel laut Bergmann aber nicht. Zu Jahresbeginn waren auf Deutschlands Straßen gut 16,8 Millionen Autos unterwegs, die älter als neun Jahre und somit "prämienfähig" waren. Davon verschwinden nun etwa zwei Millionen Stück in der Schrottpresse; zwischen Januar und Dezember 2008, also im Jahr vor der Prämie, wurden 1,7 Millionen Autos, die diesen Kriterien entsprachen, ausgetauscht - ganz ohne Staatszuschuss.
Ob die Umweltprämie also wirklich eine der Umwelt zugute kommende Prämie war, ist nicht gesichert. Laut einer EurotaxSchwacke-Studie wird die CO2-Bilanz der deutschen Pkw-Flotte durch die Prämien-Neuwagenkäufe nicht entscheidend beeinflusst; denn etwa 30 Prozent der CO2- Emissionen eines Fahrzeugs entstehen bei Herstellung und Verschrottung - die übrigen 70 Prozent des Kohlendioxidausstoßes entstehen dann tatsächlich beim Fahren des Autos.
Aufgrund der Prämie landeten viele noch straßentaugliche Autos vorzeitig in der Presse. Die CO2-Bilanz zeigt nach der Studie bei einer geschätzten Kraftstoff-Einsparung von annähernd 30 Prozent bei einer vorzeitigen Verschrottung ein neutrales Emissionsergebnis; geschadet hat die Prämie der Umwelt jedenfalls nicht. Der staatliche "Hilfsmotor" Abwrackprämie hat 2009 zweifelsfrei die Nachfrage in der Autobranche angekurbelt - bleibt die Frage, wie langfristig.
Studie rechnet mit bis zu 50 Zulieferer-Pleiten noch in 2009
Während laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger noch bis Jahresende mit bis zu 50 Unternehmenspleiten allein in der deutschen Zulieferbranche zu rechnen ist, wächst in Gewerkschaftskreisen die Sorge vor dem Strukturwandel im Autobereich. IG-Metall-Chef Berthold Huber nennt den Trend zum Elektroauto, der auch auf der IAA zu sehen war. Diese Technik biete zwar Umweltvorteile, mache jedoch etwa die Getriebefertigung überflüssig.
Die deutschen Autokonzerne verbreiteten unterdessen auf der IAA in Frankfurt unisono große Zuversicht. Sie stützen sich dabei auf die weltweit gestiegenen Verkaufszahlen im August, die Mitte September präsentiert wurden. VWVertriebschef Detlef Wittig sagte, im Jahr 2009 sei für seinen Konzern ein ähnlicher Absatz wie im Vorjahr möglich - dieses Niveau könne man auch 2010 halten. Andere Konzerne sind da etwas verhaltener, aber dennoch optimistisch.
[jhs]

