PEOPLE | INTERVIEW

Mit car2go will Daimler die Kurzzeitmiete so einfach machen wie Bargeld abheben

Seit April flitzen im Großraum Ulm 200 weiße smart fortwo durch die Gegend. Auf den Autos prangt der Schriftzug car2go, ein Pilotprojekt des Stuttgarter Autokonzerns Daimler, mit dem die innerstädtische Mobilität flexibler und einfach werden soll. Im Prinzip handelt es sich um spontane Ultra-Kurzzeit-Mieten, ohne langwieriges Buchen, Abholen und Zurückbringen. Mit car2go-Projektleiter Robert Henrich sprach Kraftstoff-Redakteur Julian Horst.

HenrichZur Person

Robert Henrich arbeitet seit 1998 bei Daimler. Der 40- jährige Diplom-Sozialwissenschaftler ist verheiratet und hat zwei Kinder. Bei Daimler hat er bislang hauptsächlich ITFunktionen wahrgenommen (zunächst im Nutzfahrzeugbereich) – anschließend war er bei verschiedenen internationalen Projekten des Stuttgarter Konzerns tätig. Seit dem Jahr 2007 arbeitet er in der Abteilung Business Innovation, die bei Daimler für die Entwicklung neuer zukunftsträchtiger Betätigungsfelder zuständig ist. Dort ist er Projektleiter für den Pilotversuch car2go.

 

Herr Henrich, was ist das Besondere an car2go?
car2go ist ein neues, innovatives Mobilitätssystem. Die Idee ist, dass wir eine große Anzahl von Fahrzeugen im gesamten Stadtgebiet verteilen und unseren Kunden als so genannte „Selbstbedienungs-Fahrzeuge“ zur Verfügung stellen. Bei car2go handelt es sich um ein vollautomatisiertes Vermietmodell. Registrierte Kunden können jedes der 200 Fahrzeuge spontan nutzen. Das ist der Versuch, innerstädtische Mobilität, flexibler zu machen

Warum testen Sie car2go gerade in Ulm – und nicht etwa in Berlin?
Ulm ist vielleicht nicht der Brennpunkt innerstädtischer Mobilität – aber es ist ein Zentrum für Innovationen. Daimler hat dort ja auch ein Entwicklungszentrum, wir entwickeln hier die Hard- und Software für solche Systeme, wie sie bei car2go zum Einsatz kommen. Das sind alles Neuentwicklungen, die wir – eben weil sie so neu sind – erst mal in einer etwas kleineren Stadt testen wollten, um in einem Pilotversuch Erfahrungen damit zu sammeln. Wie sind denn die Reaktionen der Ulmer auf das neue Angebot? Die Reaktionen sind extrem positiv, wir haben bisher weit mehr als 13 000 Kunden, wir gehen davon aus, dass über zehn Prozent der Ulmer Bevölkerung unsere Kunden geworden sind. Die Begeisterung in Ulm ist enorm groß und hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen. Man kann sagen, dass die Ulmer mit den Füßen, für das car2go-Modell abgestimmt haben.

Die Technik klingt simpel: Ein Funkchip auf dem Führerschein und los geht’s...
Der Mietprozess ist aus Sicht des Kunden tatsächlich simpel – das ist auch durchaus so beabsichtigt. Jeder kann mit wenigen Handgriffen spontan ein Fahrzeug mieten, einsteigen und losfahren. Im Hintergrund steht aber eine relativ komplizierte Technik, die eben das alles erst ermöglicht. Da ist eine Menge Komplexität drin, deshalb haben wir den Piloten gestartet.

 

Das car2go-Modell

Das Modellprojekt car2go des Stuttgarter Autokonzerns Daimler in Ulm hat im Schwäbischen für Furore gesorgt. 200 weiße „smart fortwo“ stehen seit April 2009 in Ulm, Neu-Ulm und in einigen Randgemeinden auf eigenen Parkplätzen oder im öffentlichen Raum, um von Nutzern spontan und jederzeit für beliebig lange Zeit angemietet zu werden. Man muss die Autos nicht reservieren – und man kann sie überall auf kostenfreien öffentlichen Parkplätzen im Testgebiet abstellen, wo man will. Das wichtigste Prinzip lautet: Einfach muss es sein. Die Nutzer haben nach einer Registrierung auf ihrem Führerschein einen Funkchip, mit dem sich die Fahrzeuge öffnen lassen. Dann steigt man ein, fährt los, stellt das car2go wieder ab, meldet sich mit dem Funkchip wieder ab. Man kann aber auch online oder über ein Callcenter ein Fahrzeug für bis zu 24 Stunden reservieren – oder dort nachsehen oder nachfragen, wo (vom eigenen Standort aus gesehen) das nächste freie car2go steht. Am Monatsende wird online abgerechnet.

 

Was muss – aus ihren ersten Erfahrungen heraus – noch verbessert werden?
Die Online-Anwendungen, wo das nächste freie Fahrzeug zu finden ist, sollen noch einfacher und übersichtlicher werden. Wir wollen auch unser Flottenmanagement noch weiter verbessern, um die Gleichmäßigkeit der Fahrzeugverteilung im Stadtgebiet weiter zu erhöhen, die Erreichbarkeit zu verbessern und so die Fußwege der Nutzer zum nächsten car2go zu verkürzen.

car2go ähnelt dem Prinzip Car-Sharing – nur ohne Teilen, dafür mit Miete...
Ich finde, die Ähnlichkeiten halten sich in Grenzen. car2go ist eher eine Ergänzung der bisherigen Angebote denn eine Konkurrenz. Es ist so, dass die Nachfrage nach Mobilität in großen Städten immer weiter zunimmt und car2go ist eine neue Antwort darauf. Im Detail ist Car- Sharing anders als car2go, weil es dort eine größere Bandbreite von Fahrzeugen gibt, die auf zentralen Plätzen parken. Bei uns gibt es nur den smart fortwo, dafür aber überall. Sie können einfach einsteigen und losfahren. Das geht weder bei Mietautos noch bei Car-Sharing.

Mit 50 Autos ging es los, jetzt sind es 200. Ist car2go bundesweit geplant?
Die 50 Autos waren eine Art Beta-Test, da wurden die Fahrzeuge nur von unseren Mitarbeitern genutzt. Seit Anfang April sind nun 200 Fahrzeuge für alle registrierten Nutzer im Einsatz. Uns erreichen in der Tat viele Nachfragen, ob wir das Geschäftsgebiet erweitern wollen. Dazu etwas zu sagen, wäre noch zu früh. Das Pilotprojekt läuft ja erst sechs Monate. Im Moment haben wir gerade einen Boom bei Mitgliedszahlen und Nutzung, wir warten aber erst einmal ab, was davon eventuell einer Anfangseuphorie zuzuschreiben ist und wie die verlässliche Nutzung aussieht. In Ulm wird car2go aber auch nach der Pilotphase präsent bleiben, davon gehen wir aus.

Bleibt die Frage nach einem flächendeckenden Ausbau des Konzepts...
Es ist natürlich so, dass der Kundennutzen größer wäre, wenn es car2go quasi flächendeckend geben würde. Aber das Geschäftsmodell richtet sich vor allen Dingen an große Städte ab 500 000 Einwohnern und mit einer gewissen Einwohnerdichte. Das braucht man, nach unserem jetzigen Kenntnisstand, um car2go wirtschaftlich zu betreiben. Man braucht eben viele Nutzer, die diese Fahrzeuge immer wieder bewegen – egal wo sie abgestellt wurden.

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Sie weiten den Pilotversuch demnächst aus. Aber wieso gerade in Austin, Texas?
Austin wird ein weiterer Pilotstandort, an dem wir Erfahrungen sammeln wollen. Bei der Auswahl geht es natürlich auch um die mögliche Internationalisierung des Konzepts. Das fängt beim anderen Rechtsrahmen in den USA an, mit dem anderen Steuersystem und der anderen IT. Der Pilotversuch soll noch 2009 starten, vermutlich gegen Jahresende. Die Wahl fiel auf Austin, weil es mit seinen 750 000 Einwohnern deutlich größer ist als Ulm, aber auch noch keine Megastadt. Das ist ein guter nächster Schritt, um mehr zu lernen. Die Stadt Austin hat außerdem einen sehr modernen Charakter mit Bewohnern, die offen sind für unser Konzept.

Ist car2go nur mit kleinen Autos möglich, oder auch mit einer Flotte S-Klassen?
Wir wollen das Konzept bis auf weiteres nur mit dem smart fortwo machen, weil wir glauben, dass es das perfekte Fahrzeug dafür ist. Wenn man sich den Stadtverkehr anschaut, dann sitzt meist nur eine Person im Auto, manchmal zwei – und nur sehr selten mehr. Zudem ist Parkraum die knappe Ressource in Innenstädten schlechthin. Daher ist der kleine smart besonders geeignet.

Will Daimler mit car2go die Machbarkeit des Projekts beweisen, oder auch langfristig ins Vermietgeschäft einsteigen?
Ganz klar zweiteres. Wir machen das nicht aus Marketing-Gründen. Wir gehören zum Bereich Business Innovation bei Daimler, es ist unsere Aufgabe, zukünftige profitable Geschäftsfelder zu identifizieren, zu pilotieren und zu entwickeln. Wir wollen hier ganz konkret herausfinden, ob dies ein zukünftiges, vielleicht großes – auf alle Fälle aber profitables – Geschäftsfeld für Daimler sein kann. Wenn unsere Pilote erfolgreich sind, wollen wir car2go in großen Städten starten.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Henrich.
[jhs]